Dr. phil. Claudia Schmölders
  • Startseite
  • News
    • Gesichtsrundschau
    • Projekte
      • Kunst des Gesprächs - Volltext
        • Archiv für Physiognomik>
          • Bibliographien>
            • Bibliographie zu "Hitlers Gesicht"
              • Bibliographie zu "Das Vorurteil im Leibe"
                • Bibliographie zu "Gesichter der Weimarer Republik"
                • Neuerscheinungen
                • Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek>
                  • Sprache
                    • Gedichte
                      • Literatur
                        • Sachbücher
                          • Wörterbücher
                            • Nachschlagewerke
                              • Zeitschriften
                                • Briefe
                                  • Tagebücher
                                    • Memoiren
                                      • Biographien
                                        • Anthologien
                                          • Buchreihen
                                            • Werkausgaben
                                          • Bücher
                                          • Artikel
                                            • Aufsätze
                                              • Rezensionen
                                                • Radio/TV
                                                • Vita
                                                  • Dissertation (1973) - Volltext
                                                  • Kontakt
                                                  Projekte > Archiv für Physiognomik > Texte



                                                  Einleitung

                                                  Die tägliche Praxis, Körper zu lesen und ihre Kundgaben zu verstehen, heißt in der Ideengeschichte "Physiognomik". Das Wort stammt von  griech. φυσις/physis = Körper, γνομε/gnome = Wissen, Lehre. Verwendet wird es seit rund zweieinhalbtausend Jahren für die Kunst, aus der gesamten Körpererscheinung, aus Mimik und Körperbau, Stimme und Bewegung, Schlüsse auf zukünftiges Verhalten zu ziehen. Insofern ist die Physiognomik eine echte Konkurrenz zur Traumdeutung, die ebenfalls seit der Antike aus den Träumen bevorstehendes Glück oder Unglück herauslesen will.

                                                  Als erste Wahrnehmungslehre, die wir kennen, hat die Physiognomik eine jahrtausendealte Geschichte, und zwar im Orient wie im Okzident. Erste systematische Schriften stammen aus der aristotelischen Schule aus dem 4. Jahrhundert v.Chr., aber auch aus indischen und chinesischen Quellen. Deutungen von Haaren und Nasen, Beinen und Händen, Augen und Ohren, Gesten und Mienen, von Narben und besonderen Merkmalen am Körper wurden zunächst ganz praktisch verwendet. So etwa im Sklavenhandel, in der Heiratspolitik, in der staatlichen Verwaltung, beim Militär oder in „Fürstenspiegeln“ (so heißen Anweisungen für Herrscher, nach welchen Merkmalen sie ihre Diener aussuchen sollen) sowie  in der Tierzucht.

                                                   Die immer weiter anwachsende Zahl von Handbüchern haben mit der Zeit einen Wissensschatz aufgehäuft, der keine Systematisierung mehr zuließ, weshalb die Physiognomik schon früh als Pseudowissenschaft galt. Vor allem ihr neuzeitlicher Begründer, der Schweizer Pfarrer Johann Kaspar Lavater, ist mit seinem vierbändigen, opulent illustrierten Werk (Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe, Leipzig und Winterthur 1775-1778)  daran gescheitert, auch wenn er selbst gern als Naturwissenschaftler anerkannt worden wäre. Fast alle Aufklärer, übrigens auch schon Maler wie Leonardo, haben aber den Wert der Auskünfte, die wissenschaftlich über das Äussere des Menschen zu dessen Seele oder Charakter führen sollen, bezweifelt.

                                                  Daß es sich allerdings bei dieser Wahrnehmung um eine kunstmäßige Erfahrungslehre handeln muß, da jedes Geschöpf mit einer Überfülle von Körperdaten als Individuum wahrgenommen wird, hat sich erst spät im Diskurs durchgesetzt. Andererseits gestalten sämtliche, und nicht nur die bildenden Künste,  physiognomische Erfahrungen - in der Literatur seit Homer und, rasant, alle Lichtbildkünste seit ihrer Erfindung.

                                                  Hinzukommt, daß die gesamte medizinische Diagnostik, angefangen von der antiken Humorallehre (= Lehre von den sogenannten Säften und Temperamenten), Aussagen über Gesundheit und Krankheit anhand von Körperzeichen gemacht hat und immer noch macht. Sie vor allem hat die Suche nach Wissenschaftlichkeit immer weiter angetrieben, und schließlich, im Verein mit der Veterinärkunde, zu fatalem Missbrauch und in rassistische Sackgassen geführt.

                                                  In der deutschen Ideengeschichte hat besonders der Physiker Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) die maßlosen Konsequenzen einer Disziplin angeprangert, die schon am Kind den zukünftigen Mörder will entdecken können – eine Sorge, die freilich heute von biometrischen und genetischen Praktiken dramatisch überholt wird.

                                                  Physiognomik als Lebenskunst und biopsychologisches Wahrnehmungs - Apriori geriet trotzdem nicht ins Abseits. Einerseits gibt es noch immer teure populistische Angebote in Kursen und Zeitschriften, die Menschenkenntnis versprechen, aber niemals vermitteln können, denn Menschenkenntnis gewinnt man nur aus widersprüchlicher und kontingenter Erfahrung.

                                                  Andererseits haben zahlreiche Studien und Forschungen seit Ende der achtziger Jahre die ungeheure Ideengeschichte in den Blick genommen, die sich hier auftut. Allen rassistischen Missbräuchen zum Trotz gilt der Satz: Wir können gar nicht anders, wir müssen physische Daten um uns herum interpretieren und gleichzeitig aussenden. Beides, das intepretieren und das senden, müssen wir lernen, auch wenn die gegenwärtige Leitwissenschaft, die Biologie, immer wieder biologische Konstanten verspricht.
                                                  Immanuel Kant hat in seiner Anthropologie (1798) den treffenden Terminus einer „Geschicklichkeit“ dafür gefunden; theoretische Akzeptanz hat dieser Sicht allerdings erst Carlo Ginzburg (Spurensicherung, 1979) verschafft. Ginzburg führt physiognomische Kunstfertigkeit auf das arabische Spurenlesen, „firasa“ zurück; und mit seiner genauen Analyse so unterschiedlicher semantischer Jäger wie Giovanni Morelli (italienischer Spezialist für Kunstfälschungen), Sherlock Holmes ( Kriminalist), und Sigmund Freud (Traumdeuter), hat er das physiognomische Paradigma aus den mittelalterlichen Fesseln befreit und für eine höchst originelle Wissensgeschichte nutzbar gemacht.

                                                  Physiognomische Lebensgeschicklichkeit ist für die Summe jener Wahrnehmungen zuständig, mit denen wir nicht nur fremde physische Kundgaben sondern auch uns selber einschätzen: ob wir krank oder gesund aussehen, alt oder jung, schön oder hässlich, ob unsere Stimme weich oder hart, laut oder leise klingt, ob die Haut weich oder rau ist, der Gang schwankend oder aufrecht, ob wir gut oder schlecht riechen, usw. Wie richtig wir mit unseren Urteilen über Fremde liegen, ist, wie gesagt, eine Sache der - widersprüchlichen - Erfahrung und der Könnerschaft. Die Literatur kennt die entsprechende Gattung für derartige Aussagen: es sind die Sprichwörter, die jeder im Munde führt, die aber bei genauem Hinsehen einander häufig widersprechen.

                                                  Mediziner wie Pädagogen oder auch Verhaltensbiologen haben bei der Lektüre von Körpern in aller Regel einen Praxisvorsprung. Im Alltag hingegen, unter Laien, können alle Aussagen völlig falsch sein; schließlich sind viele dieser Kundgaben simulierbar. Kein Wunder, in einer „Gesellschaft des Spektakels“ (Guy Debord, 1973). „Wir urteilen stündlich und wir irren stündlich“, hat Lichtenberg gesagt.
                                                   Das hier eingerichtete „Archiv für Physiognomik“ möchte zur Auflösung von Irrtümern und Vorurteilen und zur Kenntnis der Ideengeschichte einen Beitrag leisten. Es ist nicht das erste dieser Art – die europäische Arbeitsgruppe um Nadeije Dagen (Paris) widmet sich seit nun fast neun Jahren einer interdisziplinären Forschung zur Physiognomik in der Kunstgeschichte; und einzelne Wissenschaftler wie Martin Blankenburg und Peter Gerlach habe umfangreiche, wenn auch natürlich niemals vollständige Bibliographien zur Gesamtgeschichte erstellt.

                                                  Auch meine eigenen Bücher zum Thema enthalten große Literaturlisten, die hier einsehbar gemacht werden. Im Unterschied zu den vorhandenen sind sie chronologisch geordnet; denn nicht das Alphabet, sondern die Geschichte ist für Erkenntnisse zuständig. Allein schon die Buch- und Aufsatztitel verraten, wann welche Autoren gelebt und gearbeitet haben, welche Themen interessiert haben, und welche Begriffe geprägt wurden.

                                                  Aufsätze, Vorträge, Rezensionen werden in der Rubrik „Texte“ versammelt, und natürlich gilt auch dafür: die Erkenntnisse wachsen, ändern sich, neue Perspektiven tauchen auf und liefern neue Ansätze. Wer die Forschung verfolgt, weiß, daß längst jede einzelne Disziplin ihre eigene Physiognomik entwickelt. Mediziner deuten uns anders als Medienwissenschaftler, Autoren anders als Literaturwissenschaftler, Künstler anders als Psychologen oder Biologen oder Soziologen, und so fort.  Dennoch ist Physiognomik die einzige Wahrnehmungslehre, die immer beim Laien verbleiben will, die sich der Ausdifferenzierung durch Wissenschaft und Kunst widersetzt. Dieser Tatsache möchte ich meine „Archivarbeit“, diesem work in progress,  widmen.

                                                  Zum Archiv

                                                  Die meisten der hier nach und nach als PDF eingefügten Arbeiten zur Physiognomik kreisen um die vielfachen Perspektiven ihrer Ideengeschichte. Und diese ist gewaltig nach Umfang und Diversität. Nimmt man allein das Werk von Johann Caspar Lavater und die Wende vom 18.Jahrhundert zum Ausgangspunkt, so zeigen sich Anschlüsse sowohl an Geographie und Geologie - wie bei Alexander von Humboldt und anderen Geologen -, aber auch an die Neurologie - wie bei Franz Joseph Gall - aber auch an die Psychiatrie - wie bei Alexander Morrison - und schließlich an die klassische und romantische Anthropologie - wie bei Karl Schinkel und Carl Gustav Carus, dem Gynäkologen und Landschaftsmaler und Verfasser eines "Handbuchs der Menschenkenntnis" unter dem Titel Symbolik der Gestalt  (1853).

                                                  Überall spielt zudem die Kunst eine maßgebliche Rolle. Schon Dürer und Leonardo haben physiognomische Musterbilder angefertigt, und Lavaters Riesenwerk enthielt Hunderte von Abbildungen und Zeichnungen, vor allem auch Schattenrisse. Erste physiognomische Diagnosen von Geisteskrankheiten wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts an Porträts und frühen Fotografien versucht;  anthropologische und phrenologische Deutungen stützten sich auf die Kunst der Gesichtsmaske, usw. Die Fortschritte der Kriminalanthropologie um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden mithilfe physiognomischer Kategorien erzielt; die biometrischen Methoden von heute hatten hier ihre Vorläufer. Auch wenn man heute davon abgekommen ist, an bestimmten Gesichtszügen charakterliche Dispositionen ablesen zu wollen - noch immer gibt es hochakademische Spezialisten, die glauben, etwa Lügner sofort am Gesicht zu erkennen.

                                                  Derartige Hypothesen verkaufen sich gut in einer Zeit der generellen Bildmanipulation am Computer und der Sorge vor terroristischer Kriminalität; Methoden der Gesichtserkennung an Flughäfen etwa gelten als ideale Prophylaxe für Anschläge aller Art. Aber auch hier herrscht die Kunst über die Natur. Methoden der Entlarvung werden von Methoden der Verlarvung konterkariert.

                                                  Mindestens soviel Einfluß wie auf die bildenden Künste hatte die physiognomische Mode um 1800 aber auf die Literatur - darüber das nächste Mal. 


                                                  This website contains copyrighted materials. Please, use the contact form for inquiries regarding distribution or reproduction.
                                                  ©2009-2011 All rights reserved. Create a free website with Weebly .
                                                  • Startseite
                                                  • News
                                                    • Gesichtsrundschau
                                                    • Projekte
                                                      • Kunst des Gesprächs - Volltext
                                                        • Archiv für Physiognomik>
                                                          • Bibliographien>
                                                            • Bibliographie zu "Hitlers Gesicht"
                                                              • Bibliographie zu "Das Vorurteil im Leibe"
                                                                • Bibliographie zu "Gesichter der Weimarer Republik"
                                                                • Neuerscheinungen
                                                                • Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek>
                                                                  • Sprache
                                                                    • Gedichte
                                                                      • Literatur
                                                                        • Sachbücher
                                                                          • Wörterbücher
                                                                            • Nachschlagewerke
                                                                              • Zeitschriften
                                                                                • Briefe
                                                                                  • Tagebücher
                                                                                    • Memoiren
                                                                                      • Biographien
                                                                                        • Anthologien
                                                                                          • Buchreihen
                                                                                            • Werkausgaben
                                                                                          • Bücher
                                                                                          • Artikel
                                                                                            • Aufsätze
                                                                                              • Rezensionen
                                                                                                • Radio/TV
                                                                                                • Vita
                                                                                                  • Dissertation (1973) - Volltext
                                                                                                  • Kontakt