Projekte > Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek
Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek
Eine Ausstellung
Sprache | Gedichte | Literatur | Sachbücher
Wörterbücher | Nachschlagewerke | Zeitschriften
Briefe | Tagebücher | Memoiren | Biographien
Anthologien | Buchreihen | Werkausgaben
August 2010
Jede Privatbibliothek hat ihre eigene Ordnung. Je kleiner sie ist, desto unordentlicher kann sie natürlich auch sein, weil ihr Besitzer einer privaten, idiosynkratischen Ordnung huldigt. Diese Privatheit ist schon als solche ein exquisit kultureller Akt. Da ist einmal die Idee des Privatbesitzes: die Bücher sind Eigentum einer Person, man kann sie tauschen oder verkaufen oder verschenken. Man kann sie beschriften, demolieren, Seiten ausreissen, Eselsohren einfügen, Widmungen hegen. Man kann sie mit Ex Libris als Teil der Sammlung kenntlich machen,und sich damit in die Kunstgeschichte einschreiben. Man kann Bücher erwerben nur wegen ihrer Ex Libris: berühmte Vorbesitzer werden hier einverleibt. Alle möglichen Aspekte können Anlass zum Erwerb werden: die Herkunft des Sammlers, der sich für seine Region oder für seine Vorfahren interessiert; die Vollständigkeit einer Werkausgabe; die Rarität eines Buches; die Kostbarkeit der Ausstattung; nicht zu vergessen der Wettbewerb um Erstauflagen von berühmten Autoren, und so fort.
Als Aby Warburg sich 1909 entschloss, seine Sammlung einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, folgte er dem Vorbild seines verehrten Lehrers Karl Lamprecht aus Leipzig. Lamprecht gilt heute als Begründer der interdisziplinären Kulturgeschichte nach Burckhardt. Er begann seine Laufbahn mit Arbeiten zur Wirtschaftsgeschichte wie auch zur Kunstgeschichte. Sein Leipziger Institut vereinte seit 1909 nicht nur diese, sondern zunehmend auch andere Sachgebiete wie Chemie, Physik, Psychologie u.a. .unter dem Titel eines Königlich-sächsischen Instituts für Kultur- und Universalgeschichte. Durch die kriegssympathisierende Einstellung Lamprechts fiel er nach seinem Tod 1915 in Vergessenheit. Aber durch Warburg wurde sein Erbe besser verwaltet als jemals geplant. Gerade eben, im August 2010, ist im Suhrkamp Verlag eine einbändige Werkausgabe von Warburgs Schriften erschienen.
Juli 2010
Zwischenruf: Seit dem 28. Mai 2010 gibt es das iPad von Apple auch in Deutschland. Seither scheint der Glaube an das Buch drastisch nachzulassen. Große Artikel in maßgeblichen Zeitschriften und Zeitungen setzen sich mit der digitalen Zukunft so ergeben wie noch nie auseinander. Die Wahrheit ist: die ganze Verlagsbranche freut sich schon seit langem über die digitalen Erleichterungen. Alle Verleger, alle Lektoren, alle Vertreter und Rezensenten, die bisher mit massenhaften und schweren Manuskripten zu tun hatten, sind zufrieden! Der Verlag de Gruyter hat weit vorauseilend sogar ein gigantisches Editionsprojekt angekündigt: jedes Buch aus der rund 260jährigen Verlagsgeschichte soll digital erhältlich sein, entweder als pdf oder als Book on demand. Als Mindestpreis werden 89, 90 € angegeben. Werden andere Verlage folgen? Und daneben steht eine signifikante Entwicklung: Internetquellen werden seit geraumer Zeit mit dem Vermerk "Gesehen am soundsovielten" zitiert. Damit ist die Halbwertzeit des Wissens offiziell anerkannt. Das Modell "Wikipedia" will sich durchsetzen.
Juni 2010
Fortsetzung vom Januar 2010: Auch die hier vorgestellte Bibliothek von nur rund 6000 Bänden ist ein eigenwilliges Gebilde. „Kulturwissenschaftlich“ ist sie nach ihrer inhaltlichen Ausrichtung und ihrem Schwerpunkt, der Geschichte der Physiognomik. Aby Warburg war zwar selber ein glänzender Physiognomiker – seine Tagebucheinträge über Freunde oder Besucher seiner Bibliothek verraten es –, aber die meisten Anhänger dieser Parawissenschaft in der Weimarer Republik waren ihm suspekt: vor allem Oswald Spengler, Ludwig Klages, Rudolf Kassner. Im Index des berühmten Tagebuchs der KWB kommt der Terminus fast nicht vor. Anders in der Londoner Warburg Library, die unter ihrem Direktor Ernst Gombrich dann doch systematisch zur Physiognomik gesammelt hat. MEHR
Januar 2010
Fortsetzung vom Oktober 2009: Die Idee einer Kulturwissenschaftlichen Bibliothek gehört zu den Gründungsmotiven und -tatsachen der deutschen Kulturwissenschaft. Aby Warburg (1866-1929), der deutsch-jüdische Kunsthistoriker, Privatgelehrte und Sammler öffnete seine Bibliothek im Jahr 1909 dem interessierten Publikum unter diesem Namen im sogenannten Warburghaus in der Heilwigstraße 114, Hamburg. Bei seinem Tod umfasste sie rund 60tausend Bände. Durch die Naziherrschaft wurde sie zum Exodus gezwungen; 1933 transportierte man sie nach London, wo sie bis heute – 2010 - an der Universität gepflegt wird. MEHR
Oktober 2009
Seit den 90er Jahren gibt es in den USA eine Diskussion um "Deep" oder Slowreading analog zur Slow food-Bewegung; nicht zuletzt geht es dabei um Leseerziehung im Zeitalter der digitalen Revolution. Lesen am Bildschirm ist wirklich etwas anderes als Bücherlesen. Die meisten oder jedenfalls viele Menschen über 60 möchten sich nicht mehr auf das Internet einlassen, und die Jüngeren verabschieden sich gerade von der Kulturtechnik der vergangenen 3000 Jahre. Und wirklich ist der Schritt vom gedruckten dreidimensionalen Buch zur winzigen und abstrakten Zeichenfläche auf dem Bildschirm ungeheuer. Und für viele auch unheimlich. Die Gewöhnung an eine flackernde Oberfläche, wie sie das weltweite Netz bietet, verlangt nach vernünftigen Gegenbewegungen. MEHR
| Das Buch als Pathosformel |