Dr. phil. Claudia Schmölders
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                                                  Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek
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                                                  Juli 2010

                                                  Fortsetzung vom Juni 2010: Seit dem 28. Mai 2010 gibt es das iPad von Apple auch in Deutschland. Seither scheint der Glaube an das Buch drastisch nachzulassen. Große Artikel in maßgeblichen Zeitschriften und Zeitungen  setzen sich mit der digitalen Zukunft so ergeben wie noch nie auseinander. Die Wahrheit ist:   die ganze Verlagsbranche freut sich schon seit langem über die digitalen Erleichterungen. Alle Verleger, alle Lektoren, alle Vertreter und Rezensenten, die bisher mit massenhaften und schweren Manuskripten zu tun hatten, sind zufrieden! Der Verlag de Gruyter hat weit vorauseilend sogar ein gigantisches Editionsprojekt angekündigt: jedes Buch aus der rund 260jährigen Verlagsgeschichte soll digital erhältlich sein, entweder als pdf oder als Book on demand. Als Mindestpreis werden 89, 90 € angegeben. Werden andere Verlage folgen?
                                                  Und daneben eine signifikante Entwicklung: wissenschaftliche Arbeiten, die Internetquellen zitieren, fügen der URL jetzt  den Satz hinzu "Gesehen am soundsovielten". Damit ist die Halbwertzeit des Wissens offiziell anerkannt. Das Modell "Wikipedia" will sich durchsetzen.




                                                  Juni 2010


                                                  Fortsetzung vom Januar 2010: Auch die hier vorgestellte Bibliothek von nur rund 6000 Bänden ist ein eigenwilliges Gebilde. „Kulturwissenschaftlich“ ist sie nach ihrer inhaltlichen Ausrichtung und ihrem Schwerpunkt, der Geschichte der Physiognomik. Aby Warburg war zwar selber ein glänzender Physiognomiker – seine Tagebucheinträge über Freunde oder Besucher seiner Bibliothek verraten es –,  aber die meisten Anhänger dieser Parawissenschaft in der Weimarer Republik waren ihm suspekt: vor allem Oswald Spengler, Ludwig Klages, Rudolf Kassner. Im Index des berühmten Tagebuchs der KWB kommt der Terminus fast nicht vor. Anders in der Londoner Warburg Library, die unter ihrem Direktor Ernst Gombrich  dann doch systematisch zur Physiognomik gesammelt hat.

                                                  Trotzdem erscheint meine Bibliothek hier nicht inhaltlich, sondern nach Gattungen aufgeteilt, mit Ausnahme des ersten Eintrags „Sprache“. Denn ohne Sprache keine Texte, ohne Texte keine Handschriften, ohne Handschrift keine Bücher, und ohne Bücher keine Bibliothek.  Unter der Rubrik „Sprache“ findet man hier also Bücher zum Werkzeugkasten der gesamten literarischen Kultur: Rhetorik, Poetik, Linguistik und vieles andere.

                                                  Auch diese Bibliothek hier ist nach dem Vorbild von Aby Warburg in vier "Etagen" gegliedert: je drei bis vier Kategorien werden auf jeder Etage gezeigt. Auf der ersten die Essentials, die aus der Tatsache unserer Sprachlichkeit folgen: Gedichte, die Sprache und Lied noch zusammenrücken; dann aber gleich die zwei literalen Großkategorien des Buchhandels Fiction und Nonfiction, erzählende und belehrende Texte in Form von Monographien.

                                                  Auf der nächsten "Etage" folgen im weiteren Sinn Medien der "Information": Wörterbücher, Nachschlagewerke und Zeitungen, die unser Wissen in kleine Einheiten unterteilen und an die Wissensentwicklung anschliessen. Auf der dritten "Etage" folgen die Medien der persönlichen Kommunikation und individuellen Selbstdarstellung - Briefe und Tagebücher, Memoiren und Biographien. Auf der vierten "Etage" dann einige maßgebliche Formen der Sammlung von Wissen: Weisen der "Kollektion".

                                                  Warum diese Einteilung? Sehr einfach: weil sie die Vorgeschichte der heutigen digitalen Grundfiguren bietet. Mit Stichworten wie "amazon", "wikipedia", "facebook", "blog" und "gutenberg.de" wird die Verwandtschaft evident:
                                                  Format und Information, Kommunikation und "Egodokument", Datenbank und Collection sind die leitenden Ordnungssysteme der digitalen Literalität.



                                                  Januar 2010


                                                  Fortsetzung vom Oktober 2009: Die Idee einer „Kulturwissenschaftlichen Bibliothek“ gehört zu den Gründungsmotiven und -tatsachen der deutschen Kulturwissenschaft. Aby Warburg (1866-1929), der deutsch-jüdische  Kunsthistoriker, Privatgelehrte und Sammler öffnete seine Bibliothek im Jahr 1909 dem interessierten Publikum unter diesem Namen im sogenannten „Warburghaus“ in der Heilwigstraße 114, Hamburg. Bei seinem Tod umfasste sie rund 60tausend Bände. Durch die Naziherrschaft wurde sie zum Exodus gezwungen; 1933 transportierte man sie nach London, wo sie bis heute – 2010 - an der Universität gepflegt wurde.

                                                  Wie alle Privatsammlungen, war auch Warburgs eigenwillig angelegt und geordnet. Begonnen ursprünglich als Begleitung durch ein kunstwissenschaftliches Studium der Renaissance, erweiterte sich sein Interesse immer mehr zu den angrenzenden Disziplinen: Literatur, Geschichte, Religion, Psychologie, Sternkunde,  und so fort. Berühmt wurde er  mit der Idee, das Fortleben der Antike in der Renaissance zu studieren, und zwar mit Hilfe einer Bildersammlung, dem sogenannten „Mnemosyne-Atlas“. Hier versammelte Warburg neben den üblichen Beispielen aus der hohen Kunst auch Abbildungen aller möglichen Artefakte aus der Alltagskunst, ja aus der Werbung: ein damals umstürzendes Verfahren, das aber bis heute den kulturwissenschaftlichen Ansatz inspiriert.

                                                  Auch die Ordnung der Bücher entsprach nicht der damaligen bibliothekarischen Norm. Noch die Londoner Bibliothekare hielten sich an die vier Ebenen, die Warburg für den Gang der Forschung vorgesehen hatte: „Handlung“, „Orientierung“, „Wort“ und „Bild“, hießen die einschlägigen Gruppen. Ein mögliches Vorbild für diese vierfache Hermeneutik war vielleicht das, was in der Theologie seit dem 3. Jahrhundert die Lehre vom vierfachen Schriftsinn bedeutet hat, freilich eigenwillig interpretiert. „Handlung“: unter diesem Stichwort wurden Geschichtsbücher eingestellt. „Orientierung“: umfasste Philosophie, Religion, Psychologie und ähnliches. „Wort“: war auf die Literatur bezogen, „Bild“ natürlich auf die Kunst, oder besser: auf die Familie der Bilder.

                                                  Natürlich hat sich diese Ordnung nicht allgemein durchgesetzt. Im Juni 2010, da dieser Eintrag geschrieben wird, steht sogar das Überleben der Warburg Library in London auf dem Spiel. Die Universität kann sich die Pflege des Ganzen nicht mehr leisten und will die Bücher in den Allgemeinkatalog überführen. Man muss abwarten, was daraus wird. Wer weiß, vielleicht kommt die Urhöhle der deutschen Kulturwissenschaft wieder zu uns zurück.

                                                  Oktober 2009

                                                  Seit den 90er Jahren gibt es in den USA eine Diskussion um "Deep" oder "Slow reading" analog zur "Slow food"-Bewegung; nicht zuletzt geht es dabei um die Leseerziehung von Kindern im Zeitalter der digitalen Revolution. Lesen am Bildschirm ist wirklich etwas anderes als Bücherlesen. Die meisten oder jedenfalls viele Menschen über 60 möchten sich nicht mehr auf das Internet einlassen, und die Jüngeren verabschieden sich gerade von der Kulturtechnik der vergangenen 3000 Jahre. Und wirklich ist der Schritt vom gedruckten dreidimensionalen Buch zur winzigen und abstrakten Zeichenfläche auf dem Bildschirm ungeheuer. Und für viele auch unheimlich. Die Gewöhnung an eine flackernde Oberfläche, wie sie das weltweite Netz bietet, verlangt nach vernünftigen Gegenbewegungen.  Oder kann uns das neue E-Book den gesuchten Kompromiss bieten? Nach allem, was man weiß, wird auch das E-Book demnächst "transmedial" angelegt sein: das heißt, es werden Bilder und Töne darin auftauchen, und die Bewegung der Seiten wird sich ändern. Man wird nicht mehr langsam von einer Seite zur andern blättern, sondern Hyperlinks folgen.

                                                  Die Kunst des Slow oder Deep reading, wie es ein einzelnes Buch verlangt,  könnte überhaupt ein Intermezzo in der Geschichte des Lesens gewesen sein. Denn die wachsende Weltbibliothek von Google kehrt bekanntlich zu den ägyptischen Papyrusrollen zurück, zum Buch vor der Erfindung des Kodex aus Pergament mit seinen einzelnen Seiten. Wie vor dreitausend Jahren kann man beschriftete Seiten im Netz im Fluß auf und nieder "scrollen". Ein Buch geht ins andere über, so wie auch ein Bild, ein Song, eine wie immer geartete Einheit der digitalen Präsentation in eine andere übergeht, oder besser: huscht.

                                                   Was dabei völlig verschwindet, ist die Einheit des Werkes. Bücher und auch Schriftrollen halten ihre Inhalte buchstäblich  zusammen, in welchem Material auch immer. Im unendlichen Netz dagegen - wie auch in den elektronischen Lesegeräten - verschwimmen Formen und Gattungen ununterscheidbar; und mit der Einheit verlieren sie aben auch die taktile Qualität, den Geruch, die Größe. Was hier an physischen Qualitäten abhanden kommt, fehlt auch auf der Gegenseite: auch der Leser, die Leserin sind nicht mehr als physische Entitäten und Existenzen gefragt. Aber arbeitet unser Gedächtnis nicht gerade mit physischen, räumlichen, taktilen, olfaktorischen etc. Entitäten? Die Frage ist, ob sich im digitalen Konsum nicht ein gravierender Schwund an Gedächtnis einstellt.

                                                  Die Egalisierung sämtlicher Inhalte betrifft nicht nur die Ästhetik des Bildschirms, sondern auch das Format im handlichen Sinn. Auch wenn das Netz die Speicherung immer größerer Datenmengen erlaubt - der technologische Trend zielt auf immer kleinere Geräte mit immer kleineren Bildseiten, gedacht für immer jüngere, scharfsichtigere Benutzer mit völlig anderen Bildungs- und Ausbildungshintergründen als die jener Autoren, um deren Werke es - zur Zeit noch - geht.

                                                  Parallel zur Diminuierung der Apparate werden im Internet Formate der Kommunikation eingeführt, die ebenfalls immer kleinere Textmengen zulassen: Twitter zum Beispiel, mit 140 Zeichen, aber schon auch SMS auf dem handy usw. Kompensiert wird die Kürze durch die Häufigkeit des Austauschs, aber dient diese wirklich der sozialen Bindung? Entsteht hier eine Schwarm-Gesellschaft wie die von Vögeln?

                                                  Die Buchmesse vom Oktober 2009 hat in einer womöglich enorm hellsichtigen Entscheidung China als Ehrengast eingeladen. Hellsichtig nicht, weil China die kommende Weltmacht wäre, sondern hellsichtig, weil die chinesische Schrift eine Bilderschrift ist, die mit den wenigsten Zeichen maximale Mitteilungen liefert. Auch das chinesische
                                                  I Ging,  das älteste Orakel der Welt, besteht aus einer genial vereinfachten Morse-Bild-Schrift: Striche und Punkte, deren Anordnung im Schafgarbenwerfen Existenzdeutung liefern soll.

                                                  Orakel-Lesen ist sicher die offensivste Form des "deep reading", wenn man darunter das Herstellen von möglichst bedeutsamen Kontexten für das einzelne Zeichen versteht. Orakel künden das Schicksal von Einzelnen oder auch Gruppen. Derartige Deutungen erfolgten häufig in festgesetzten Rahmen. In der Antike wurde etwa die Vogelschau durch einen Ausschnitt im Tempeldach hindurch betrieben; und Ausschnitte oder Rahmen sind auch in säkularen Lesarten für alle Deutungen entscheidend.  Erving Goffman hat das entscheidende Buch dazu geschrieben.

                                                  In der Welt der Bücher ist jedes Buch ein solcher Rahmen, und noch genauer rahmt es die Gattung des Textes, die das Buch bietet. Vier große Gattungen kennt die literale Gesellschaft: das Handelsbuch mit dem Verzeichnis von Beständen und Schulden, das Erzähl- oder Geschichtenbuch, mit Biographien und Mythologien, das Lehrbuch (später: Sachbuch) und den Brief. Alle vier haben große soziale Institutionen begleitet, wenn nicht erzeugt: die Buchführung und das Tagebuch, die Zeitung und die Presse, die Bibliothek als Zentrum der Buchkultur sowie natürlich die Post. Alles vier haben weitere Formen und Rahmen hervorgebracht und sich mit anderen Gattungen assoziiert. Sie alle fallen in der heutigen Netzwelt zusammen, so wie ja auch die Bildschirme, die unsere Lebenswelt beherrschen - Kino,  Fernsehen, Computer, handy - gerade im Begriff sind, ineins zu fallen und unsere Wahrnehmung radikal  zu entdifferenzieren.

                                                  In dieser Phase mag es von Nutzen sein, die Ordnungen der Bücher in einer altmodischen, aber eben kulturwissenschaftlichen Bibliothek noch einmal zu rekapitulieren. Es sind Ordnungen des diskontinuierlichen Wissens und nicht der hybriden Wahrnehmung. Je für sich liefern sie Rahmen, in denen verstehende Lektüre und Memorierung stattfinden soll.
                                                  Das Buch als Pathosformel
                                                  File Size: 169 kb
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