Gesichtsrundschau August 2010


Am 27. August berichtete der Web 2.0 Blog namens  TechCrunch, dass die Firma Facebook im Moment versucht, den Wortbestandteil "Face" als eigenen Markennamen schützen zu lassen. "Facebook" als Kompositum ist natürlich längst geschützt. Die Marke "Face" erhielten die Betreiber angeblich ursprünglich von einer britischen Firma namens CIS Internet LTd, die ihrerseits eine Site namens "Faceparty" betrieb.

Wie auch immer: laut TechCrunch hat Einspruch gegen dieses Marketing Aaron Greenspan erhoben, der sich als eigentlichen Erfinder von Facebook betrachtet, damit aber juristisch unterlag. Inzwischen hat er eine eigene Firma namens Think Computer, die ihrerseits ein App für handys unter dem Namen "Face Cash" vertreibt. Face Cash! Andererseits gibt es auch bei Apple eine VideoMarke namens "Facetime"...

Facebook, Faceparty, Face Cash, FaceTime: die Inflation des Wortes im Web 2.0 entspricht einer Entwicklung, die das neue Buch von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke beschreibt.Die Casting Gesellschaft  liefert schlagende Beobachtungen zum heutigen Stand der digitalen Gesellschaft. Facebook, Youtube, Flickr etc. "Ein ganzes Volk wirkt mit an der Verbreitung einer >indiskreten Technologie< (so der Soziologe Georg Cooper), die eine fortwährende wechselseitige Beobachtung und ein den Alltag durchdringendes Medientraining erlaubt. Ich trete auf, also bin ich!"

Aber ist das wirklich so neu? Hat nicht der französische Sozialphilosoph Guy Debord schon 1967  seine Sozialkritik namens La Societé de Spectacles veröffentlicht? Und fast zehn Jahre zuvor Erving Goffman den BestsellerWir alle spielen Theater? Und hat nicht überhaupt der amerikanische Soziologe David Riesman bereits in den 50er Jahren den Begriff der "aussengeleiteten Gesellschaft" geprägt, womit er die kommende Mediengesellschaft beschrieb? Sein Buch namensThe lonely crowd erschien zuerst 1950 und gilt als erster soziologischer Bestseller überhaupt. Der zweite Band von 1952 hiess dann schon Faces in the crowd.



Gesichtsrundschau Juli 2010


Das Wort Gesicht scheint umgangssprachlich immer mehr synonym mit dem Wort Person zu werden - Facebook machts möglich. "Gesicht zeigen" heißt seit einigen Jahren eine Kampagne gegen Fremdenhass - hier versteht man unter Gesicht allerdings den Anteil an Zivilcourage im öffentlichen Auftritt, das Hinsehen statt Wegsehen.


In der FAS vom 25. Juli wird von den Erfolgen berichtet, die Paul Ekman (*1934), der dienstälteste Mimikforscher der scientific community, noch immer zu verzeichnen hat. Sein in den sechziger Jahren entwickeltes sogenanntes Face Action Coding System tritt mit dem Anspruch auf, interkulturell  gültige, also angebornene mimische Kundgaben gefunden zu haben, basale Gesichtsausdrücke von Wut, Freude, Überraschung, Trauer u.a. In den Jahren nach seiner Emiritierung hat sich Ekman als teurer Lügendetektor sowohl der Wirtschaft wie der Politik anempfohlen, zuletzt dem US-Homeministry mit dem Versprechen, Terroristen bei den Grenzkontrollen entlarven zu können. Die Ergebnisse sind aber unbefriedigend, und die Kollegen bezweifeln das nicht öffentlich gemachte Verfahren. Körpersprachlich nervös werden kann man im Gespräch mit Grenzkontrolleuren aus vielerlei Gründen.

Genutzt wird das FACS aber inzwischen auch von der Roboterindustrie. In den USA und Südkorea arbeitet man an der Entwicklung sogenannter "social machines", die in der Kindererziehung eingesetzt werden und Sprachunterricht erteilen sollen. In beiden Fällen müssen sie sowohl Mimik entziffern als auch selbst produzieren können. Die wichtigste Miene im zutraulichen Umgang ist nach wie vor das Lächeln. Die entsprechende Software wurde  angeblich an 70tausend Personen erarbeitet.  New York Times 16. Juli 2010


Gesichtsrundschau Juni 2010

An dieser Stelle soll in Zukunft einmal im Monat der zeitgenössische Gesichterkult und die dazugehörige Gesichtslesekunst, also Physiognomik von heute, kommentiert werden. Anlass ist ein Artikel einer großen deutschen Wochenzeitung vom 10. Juni  über den Kandidaten zum Amt des Bundespräsidenten, Christian Wulff. Der Text  ist betitelt mit "Eine Stilkritik". Illustriert wird er nicht mit einem Porträtfoto  sondern mit diversen Kleidungsstücken, die Wulff angeblich trägt. Jedes Teil ist mit einem Preis versehen; alle zusammen ergeben den Preis der Oberfläche, um die es dem Autor ausschließlich geht. Selten hat das alte Lob der Oberfläche eine so fatale Anwendung gefunden. Nichts davon soll hier zitiert werden. Denn es handelt sich um eine Textsorte aus der Weimarer Republik: um physiognomische Verhetzung. MEHR